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Keine sinnvolle Technik ohne Kulturverständnis

Vocab level: C1
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Herr Professor Wilderer,
Sie halten die Versorgung mit Trinkwasser für eine entscheidende Voraussetzung zur stabilen Entwicklung von Gesellschaften.
Warum?
Wenn kein sauberes Wasser zur Verfügung steht, werden die Menschen krank.
Das geschieht vor allem in den Armengebieten unserer Erde.
Wenn aber Menschen krank werden, geht das uns in unserer globalisierten Welt alle an.
Der erste Schritt zur Überwindung der Armut ist die Einführung einer gesicherten Wasserversorgung und Sanitärtechnik.
Darauf lassen sich dann Wirtschaftswachstum und Wohlstand gründen.
Lassen Sie mich dazu ein positives Beispiel nennen:
Der rasante Aufstieg Singapurs zur Wirtschaftsmetropole setzte ein, als der Stadtrat beschloss,
die Stadtflächendeckend mit Wasserversorgung und Kanalisation zu überziehen.
Der wirtschaftliche Aufschwung folgte direkt.
Die Verknüpfung von High-tech und nachhaltiger Entwicklung ist für Sie ein wichtiges Anliegen.
Was bedeutet das in Bezug auf Wassermanagement?
Bei uns werden die Schmutzstoffe mit viel Trinkwasser zur Kläranlage transportiert,
was bisher kein Problem ist, weil wir über ausreichende Trinkwasservorkommen verfügen.
Aber in Regionen, wo Wasser eine Mangelware darstellt, ist die Verwendung von Trinkwasser zum Wegspülen von Abfällen totaler Unsinn und sicher nicht nachhaltig
- weder in wirtschaftlicher noch in ökologischer Sicht.
Wie weit herrscht Einigkeit unter Wasserexperten über den Begriff „Nachhaltigkeit"?
Man geht bisher davon aus, dass Nachhaltigkeit auf drei Säulen basiert:
der ökonomischen, der sozialen und der ökologischen.
Hinzukommen muss als weitere Säule eine gute staatliche Ordnung.
Kultur gehört aber auch dazu.
Unter Kultur verstehe ich unterschiedliche Traditionen,
die sich in den Weltregionen entwickelt haben und die den Menschen einen inneren Halt geben, auch in schwierigen Zeiten.
Man muss die örtlichen Traditionen kennen,
damit man nachhaltige Technologien entwickeln kann
- Technologien, die akzeptiert werden.
Das gilt für die Wasserversorgung und die Sanitärtechnik in besonderem Maße.
Wie funktioniert eine moderne Wassertechnologie im Prinzip?
Die Idee ist, eine Technik aufzubauen, die ähnlich wie die der Mülltrennung und -Wiederverwertung funktioniert.
Abwasser ist ein wichtiger Rohstoff, aus dem sich Wertstoffe gewinnen lassen, wie gereinigtes Wasser und elektrischer Strom.
So könnte Urin getrennt gesammelt werden.
Es wäre einfach, daraus Düngemittel herzustellen.
Würde man das konsequent tun,
könnte man die Kosten für die Abwasserreinigung um bis zu zwei Drittel senken.
Ein anderer Wertstoffstrom ist das so genannte Grauwasser,
das aus der Dusche, aus dem Waschbecken, der Spülmaschine kommt.
Es ist leicht zu reinigen und kann im kleinen Kreislauf etwa eines Wohnkomplexes direkt als Brauchwasser verwertet werden.
Solche dezentralen Systeme ließen sich problemlos in Neubaugebieten der wachsenden Städte schrittweise installieren.
Was ist mit den Kosten?
Die Kosten müssen im Verhältnis zu den Einsparungen bei Kanalisation, Wasserwerken und Kläranlagen beurteilt werden.
Um die Komponenten des neuen Systems preiswert zu halten, plädiere ich für die Fertigung nach modernen industriellen Methoden.
Ist der Wirtschaft bewusst, dass Wassertechnologie ein Riesenmarkt ist?
Ja, ich denke schon.
Aber erst langsam begreifen wir die globale Vernetzung und ihre Folgen für die Entwicklung der Wassertechnologie und deren Märkte.
Ich denke, das wird von der Wirtschaft eher erkannt als von der Politik.
Sie wurden von der Nobelpreis-Jury als „Visionär" beschrieben.
Was sind Ihre Visionen?
Durch meine „Lust" an der Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Wissenschaftsbereichen konnte ich eine ganze Reihe von Entwicklungen anstoßen.
Ich denke da zum Beispiel an die molekularbiologischen Methoden in der Abwasseranalytik,
an die Nutzung der Mikrobiologie in Abwasserreinigungsanlagen oder die Forschung an Biofilmen,
die zur Entwicklung von Bioaggregaten geführt hat.
Dazu gehört dann auch die Idee, dass künftig ein dezentrales Wassermanagement installiert wird, ergänzend zum bestehenden System.
Und dass wir so Schritt für Schritt die Probleme, besonders in der Dritten Welt, lösen können
- aber nicht mit Primitivtechnologie, sondern mit solider High-tech