Wahrheit und Lüge
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Wir alle lügen. Wer das Gegenteil behauptet, lügt erst recht.
Das sagen wissenschaftliche Studien.
Herr Dr. Rainer Tamm, Soziologe und Verhaltenspsychologe erklärt uns das heute genauer. Guten Tag.
Gerne. Hallo.
Herr Tamm, wir alle lügen. Wie findet man so etwas heraus?
Durch Untersuchungen wie an der Universität Massachusetts in den USA.
121 Versuchspersonen hatten die Aufgabe, in einem Gespräch einen möglichst sympathischen Eindruck auf eine unbekannte Person zu machen.
Alle haben diese Aufgabe erfüllt und wirkten freundlich und kompetent.
Und wie haben sie das geschafft?
Sie haben ihre Gesprächspartner angelogen.
Nach den Gesprächen durften die Versuchspersonen angeben, ob und wie oft sie gelogen haben.
Das Ergebnis: 60 Prozent haben nicht die Wahrheit gesagt und das mehrfach.
Gibt es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Ja. Die wohl dickste Lüge lautete, dass die Person der Star einer Rockband sei.
Diese Lüge kam von einem Mann.
Natürlich, denn die Männer haben versucht, sich selbst in einem besonders guten Licht darzustellen.
Frauen neigten eher dazu, das Gegenüber zu loben und mit Komplimenten für sich zu gewinnen.
Was sind nun die wesentlichen Erkenntnisse dieser Untersuchungen?
Einerseits können wir vermuten, dass Lügen in der gesamten Gesellschaft und in allen Berufsgruppen stark verbreitet ist.
Andererseits weisen die Untersuchungen aber auch darauf hin,
dass es eine ... ja ... sagen wir ... soziale Komponente beim Lügen gibt.
So haben Frauen häufiger gelogen, wenn sie dachten, dass ihnen eine Person mehrmals begegnen wird.
Lügen scheint also eine positive Auswirkung auf andauernde Beziehungen zu haben.
Lügen auch Kinder? Ab wann können wir denn lügen?
Professor Lukesch in Regensburg hat herausgefunden,
dass Kinder erst zwischen vier und sieben Jahren die Fähigkeit zum Lügen erwerben.
Lügen wird auch als Indiz für die Schulreife betrachtet.
Aha. Können Sie den Zusammenhang noch etwas genauer erklären?
Ja. Wenn ich meinen Sohn frage: „Hast du die Schokolade gegessen?",
antwortet er mit Schokolade am Mund: „Nein, ich war das nicht."
Er glaubt, dass er lügen kann, weil ich ja nicht dabei war und deshalb nicht weiß, wieso die Schokolade weg ist.
Zum richtigen Lügen brauchen Kinder die Fähigkeit zur Abstraktion
- ein großer intellektueller Entwicklungsschritt, den man ab vier Jahren beobachten kann.
Das heißt also, Lügen ist gar nicht so einfach?
Richtig. Gut lügen zu können setzt voraus, dass die Nervenzellen im Gehirn sehr gut miteinander vernetzt und verbunden sind.
Die Wahrheit erfordert ein geringer entwickeltes Gehirn.
Ist nur der Mensch fähig, zu lügen?
Tja, exzellente Lügner sind Tiere nicht.
Aber trotzdem gibt es die Täuschung, z. B. bei den Murmeltieren.
Sie sichern sich etwas Leckeres zu fressen, indem sie Alarm pfeifen,
was für die anderen Artgenossen heißt: „Schnell verstecken!"
Und schon kann das Murmeltier alleine fressen.
Wenn so häufig gelogen wird, dann gibt es doch gute Gründe dafür, oder?
Sicher. Je nach Definition lügen wir zwischen 1,8 und 200 Mal am Tag.
Neuere Untersuchungen besagen, dass von den Versuchspersonen 41 Prozent
- und damit der größte Teil - gelogen haben, um Streitigkeiten zu vermeiden oder eigene Fehler zu verdecken.
Mit 14 Prozent folgt ein leichteres Zusammenleben,
mit acht Prozent der Wunsch nach Liebe und mit sechs Prozent die eigene Faulheit.
Aber ... wenn das Lügen so verbreitet ist, kann es dann eine schlechte Eigenschaft sein?
Ja, das ist etwas paradox.
Streng definiert verstehen wir unter einer Lüge,
dass die Unwahrheit gesagt wird, um jemandem zu schaden oder um einen persönlichen Vorteil aus der Lüge zu ziehen.
In der Gesellschaft wird das Lügen abgelehnt:
Man hat Probanden nach wünschenswerten Eigenschaften befragt.
Die Adjektive aufrichtig, redlich, verständnisvoll, loyal und wahrheitsliebend wurden auf die ersten fünf Plätze gewählt.
Das Prädikat lügnerisch kam auf den letzten Platz. Und trotzdem lügen wir täglich.
Können wir eigentlich noch zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden?
Jein. Es ist überraschend, dass Lügen oft nicht enttarnt werden.
Dass wir Lügen nicht erkennen wollen, ist einfach zu erklären:
Lügen sind ein notwendiger Teil unseres sozialen Lebens.
Unser Gehirn hat Strategien entwickelt, die Lügen ignorieren können, sodass nicht jede Lüge identifiziert wird.
Selbstverständlich könnten wir viele Lügen erkennen, aber ein gelogenes Kompliment ist angenehmer als die Wahrheit.
„Nein, Liebling, du bist nicht dick."
oder „Großartig, Ihre Präsentation!" fördern als Höflichkeitslügen ein positives Miteinander.
Manchmal nehmen wir es ja mit der Wahrheit auch nicht so genau, wenn es um uns selbst geht.
Oh ja, das ist wichtig.
Wer sein Spiegelbild nicht ab und zu schöner macht, als es ist, wer sich nicht ein übertriebenes Eigenlob gönnt, der hat es nicht leicht.
Selbstlügen sind wichtig für die Psychohygiene, denn sonst droht ein Stimmungstief.
Gibt es denn überhaupt Personen, die vor der Lüge sicher sind?
Ja, Herr Blohm, die gibt es anscheinend wirklich.
Der beste Freund oder die beste Freundin werden fast nie belogen.
Ob Freunde diese Ehrlichkeit immer so gut finden? Was meinen Sie zu unserem Thema? Rufen Sie uns an.
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