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Das Schachspiel

Vocab level: C1
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„Du kannst Weiß haben", sage ich und deute auf den Stuhl in der Ecke.
Noch bevor er sich gesetzt hat, schickt mein Vater bereits seinen ersten Bauern ins Gefecht.
Auch die nächsten Züge kommen wie aus der Pistole geschossen.
Er eröffnet, als müsse er meine Bauern überrennen und meinen Königssitz im Sturmlauf erobern.
Nach nur sechs Zügen beherrschen seine Figuren zwei Drittel des Brettes.
Wie durch Glas verfolge ich, dass er ein erstes Loch in meine Deckung reißt und meinen Bauern an den Rand stellt.
Anschließend wischt er sich die Hand am Hosenbein ab.
Warum er meinen Vater nicht einfach mal gewinnen lasse, hatte ich Onkel Hugo damals gefragt,
und er hatte geantwortet, dass er das Gefühl habe, mein Vater fordere ihn nur deshalb immer wieder heraus, um zu verlieren.
Zum ersten Mal wird mir klar, wie sehr mir Onkel Hugo die letzten zwanzig Jahre gefehlt und was sein Verschwinden für eine Leerstelle bei mir hinterlassen hat.
Unterdessen hat der Bauer am Spielfeldrand Gesellschaft von einem Berufsgenossen erhalten, und die Lücke in meiner Deckung hat sich vergrößert.
Loslassen, hat Zoe gesagt, darin mache mir keiner was vor.
Und dass ich zu wenig am Leben hinge.
Gibt's auch mal irgendwas, das du festhalten willst?
Ich könnte versuchen, an diesem Haus festzuhalten.
Aber was wäre damit gewonnen?
Mein Vater will es so viel stärker als ich.
Und wozu ich auf der Welt bin, weiß ich mit Haus genauso wenig wie ohne.
Vielleicht habe ich für immer meine Ruhe vor ihm, wenn ich ihn gewinnen lasse.
Kein Besitztum der Welt könnte das aufwiegen.
In meiner „Hundehütte" hat es mir an nichts gemangelt, vermisst habe ich dort jedenfalls nichts.
Vielleicht, geht es mir durch den Kopf, sollte ich das Haus nur erben, um diese Reise zu unternehmen.
Ich bemerke den Glanz in den Augen meines Vaters,
und als ich auf das Brett blicke, hat er mein Pferd geschlagen, das sich zu den Bauern gesellt hat und vom Rand aus das Geschehen verfolgt.
Zwölf Züge liegen bereits hinter uns.
Wenn ich so weitermache, hat mich mein Vater in noch einmal so vielen matt gesetzt.
Ich nutze die nächsten drei Züge, um mich so zu positionieren, dass wenigstens sein Sturmlauf erschwert wird.
Trotzdem verliere ich einen weiteren Bauern sowie einen Turm.
Für den Turm muss mein Vater seine erste Figur, ein Pferd, opfern, doch bei diesem Spielstand kostet ihn das ein Grinsen.
Die nächste Angriffswelle rollt bereits, diesmal über die Flanken.
Mein Vater hat die königlichen Gemächer im Visier und wetzt bereits das Messer der Guillotine.
Nach jedem Zug klopft sein Zeigefinger fordernd auf die Tischplatte.
Hat nicht funktioniert.
Das mit dem Besiegen.
Jedenfalls nicht bei meinem Vater.
Auch wenn Onkel Hugo es immer wieder versucht hat.
Das Leben ist eben kein Märchen.
Ich ziehe mein Pferd aus der Deckung und öffne ihm die Pforte zum finalen Sturmlauf.
Sofort setzt er seinen Läufer darauf an, infiltriert die Burg und erkennt in dem Moment, da er die Finger von der Figur löst, dass mein Pferd mit dem nächsten Zug seinen König und seine Dame gleichzeitig bedroht.
Der Moment der Erkenntnis äußert sich in einer Veränderung, die hinter seinen Augen vor sich geht:
Die unumstößliche Überzeugung, dass nicht ist, was nicht sein darf, trifft auf die nicht zu ignorierende Tatsache, dass sich unter ihm eine Falltür aufgetan hat.
Als er mich ansieht, spiegelt sich vor allem Unglauben in seinem Blick.
Er kann nicht fassen, dass ich tatsächlich den ultimativen Verrat an ihm begehen werde: Vatermord.
„Tut mir leid", sage ich.
Nach dem Verlust der Dame dauert es weitere neun Züge, ehe mein Vater seinen Stuhl umstößt und aus dem Zimmer, aus dem Haus und aus meinem Leben stampft, ohne die Partie beendet zu haben.
Niemand wird ihn jemals dazu bringen können, eine Niederlage einzugestehen.
Ich höre, wie die Terrassentür zugeschlagen wird und dabei eine Scheibe zu Bruch geht.